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Was sind 10 Jahre?
Gedanken - Veröffentlicht am 07.04.2017 12:38 von Sabine Nitschke

Es ist jetzt eine Woche her und ich weiß noch gar nicht, was ich fühlen oder denken soll.
10 Jahre waren wir vom Verlust unserer Heimat durch den Tagebau bedroht. Nun kam die Mittelung, dass der Bergbaubetreiber unsere 3 Dörfer, Kerkwitz, Atterwasch und Grabko verschonen will.
10 Jahre haben wir mit der Angst gelebt, unsere Sachen packen und an einen anderen Ort ziehen zu müssen. Wohl wissend, dass in diesem Fall hier kein Stein mehr auf dem anderen bliebe. Jahrhunderte alte Landschaften und gewachsene Dörfer wären dem Erdboden gleich gemacht worden. Das Dorf Horno und seine Devastierung sollte das Letzte sein. Damals. Vor mehr als 10 Jahren. Was machen 10 Jahre Ungewissheit und Bangen mit den Menschen? Einige sind, so denke ich, bis heute nicht aus einer gewissen Lethargie gekommen. „ Die machen doch mit uns eh was sie wollen, da kannste nichts machen“ hab ich oft gehört. Andere haben vor 10 Jahren eine Möglichkeit für einen Neuanfang gesehen, mit den Entschädigungen für ihre Häuser und Grundstücke wäre das viel einfacher gewesen. Auch diese Pläne sind erst mal geplatzt. Das Leben muss so weiter gehen. Ohne warmen Geldsegen. Innerhalb der 10 jahre wäre für viele vielleicht alles anders gekommen, wäre die Angst vor der Abbaggerung nicht gewesen. Im Fühlen, im Handeln, im ganzen Lebensablauf. Einige aber haben 10 Jahre lang alles in ihrer Möglichkeit stehende getan, um den Raubbau an Landschaft und Natur aufzuhalten. Sie dachten über ihre Gartenzäune hinaus und wurden und werden als kleine grüne Spinner mitleidig belächelt. Nun ja, das Ende ist bekannt.
Wie kommt es nun,daß ich mir vor lauter Fröhlichkeit und Freude so gar nicht richtig sorgenfrei zurück legen kann und immer noch ein ungutes Bauchgefühl habe? Liegt es daran, daß die Menschen hierzulande schon oft belogen und betrogen worden sind von der „ Obrigkeit“ ? Erleben wir nicht die haltlose Arroganz der Politik und Wirtschaft, die sich um Menschen einen Teufel scheren und nur Wählerstimmen und Profit im Kopf haben? Wird hier nicht mit vollen Händen jahrelang Steuerzahlers Geld in unsinnige Projekte ausgegeben und keiner lernt dazu? Wird nicht nach wie vor sinnlos reformiert, auch gegen den Willen der Menschen? Begibt man sich nicht nach wie vor in wirtschaftliche Abhängigkeit von Bergbauunternehmen, die ihrerseits die Zeichen der Zeit verstanden haben und sich langsam aber sicher aus der Region zurück ziehen? Warum denkt keiner vorausschauend und kümmert sich um die Menschen, die sich sicher an ihrem Arbeitsplatz wähnten ? Wir werden erleben, was nach den 3 Jahren Kündigungsschautz passiert. Da hab ich ein ganz ungutes Gefühl. Es kann aber ganz einfach nicht sein, dass Häuser geopfert werden, damit andere die Ihrigen weiter finanzieren können. Existenzen zerstört werden, damit andere eine Sichere haben. Wir leben über der Kohle. Auch die nächsten 10 -20 Jahre. Dieser Bodenschatz wird weiterhin Begehrlichkeiten wecken. Nein, ich kann mir nicht sicher sein. Wer weiß denn heute schon, aus welcher Ecke die Bedrohung wieder hervor kriecht ? Es gibt Menschen, die ich an meiner Seite wähnte im Kampf gegen Heimatverlust. Genau diese Menschen aber haben ihren Kopf und ihre Ansichten gedreht. Andererseits habe ich Menschen kennen gelernt, dessen Freundschaft ich heute nicht mehr missen möchte und die ich ohne diesen gemeinsamen Kampf niemals kennen gelernt hätte.Ich habe Neid und Missgunst erlebt und unschöne Bemerkungen. Schlechte Scherze haben mein Herz getroffen und trotzdem wünschte ich keinem, dass er in meiner Haut steckte.
Auch wenn in meinem Dorf im Moment keine Angst umgeht, so müssen wir wachsam sein. Wir haben noch viel zu tun. Nun leben andere Menschen an anderen Orten weiter in Ungewissheit und keiner , der nicht betroffen ist, kann sich vorstellen, was das mit den Menschen macht.
Ich wünsche keinem, daß ein Tornado sein Leben oder Haus zerstört. Ich hoffe auf saubere Luft damit unsere Kinder nicht an Lunkenkrankheiten leiden. Ich möchte nicht, daß jemand von reißenden Überschwemmungen betroffen ist. Mögen unsere Brunnen nicht weiter versiegen und die Seen nicht weiter austrocknen. Aber für viele werden diese Wünsche wohl zu spät kommen.
Leider glauben immer noch welche, daß sie vom Klimawandel nicht betroffen sind.

Sabine Nitschke wohnt in Atterwasch und arbeitet bei der Forstverwaltung Brandenburg